ANTIGONE

Kanada 2019 | 109 Minuten | OmU | Regie: Sophie Deraspe | FSK n.V.

Nach dem gewaltsamen Tod der Eltern und ihrer Flucht aus Algerien lebt die 16-jährige Antigone Hipponomes mit ihren drei Geschwistern und ihrer Großmutter in Quebec. Während Antigone sich als exzellente Schülerin beweist, lässt sich ihr Bruder Polynice mit einer Straßengang ein. Bei einer fatalen Begegnung mit der Polizei wird Polynice verhaftet, woraufhin ihm die Abschiebung aus Kanada droht. Überzeugt, dass ihr Bruder in Algerien nicht überleben würde, fasst Antigone einen gleichermaßen kühnen wie gefährlichen Rettungsplan. — In freier Anlehnung an die Tragödie von Sophokles schildert Regisseurin Sophie Deraspe das Aufbegehren einer aufopferungsbereiten Heldin gegen inhumane Verhältnisse. Zurecht wurde ihre kämpferische Klassiker-Adaption 2019 beim Toronto International Film Festival als Bester kanadischer Film ausgezeichnet.

AN AUDIENCE OF CHAIRS

Kanada 2018 | 93 Minuten | OmU | Regie: Deanne Foley | FSK n.V.

Neufundland im Sommer 1997: Die junge Pianistin Maura MacKenzie verbringt mit ihren Töchtern Bonnie und Brianna die Ferien in Tors Cove, während ihr Mann Duncan als Reporter durch Russland reist. Als Duncan seinen Auslandsaufenthalt unerwartet verlängert und Maura deshalb nicht an einem wichtigen Vorspielen teilnehmen kann, bekommt das provinzielle Idyll erste Risse. Mauras psychischer Zustand verschlechtert sich rapide, was zusammen mit einer traumatischen Erfahrung aus ihrer Vergangen-heit das Verhältnis zu ihrer Familie zunehmend überschattet. Als ihre Krise auch die eigenen Töchter in akute Gefahr bringt, droht Maura alles und vor allem sich selbst zu verlieren. — Basierend auf dem Roman von Joan Clark, überzeugt der vielfach ausgezeichnete Film durch die sensible Darstellung einer psychischen Erkrankung und als berührendes Porträt einer seelisch versehrten, doch zugleich unverhofft starken Frau.

CRASH

Kanada 1996 | 100 Minuten | OmU | Regie: David Cronenberg | FSK ab 18

James Ballard und seine Frau leben in einer offenen, jedoch emotional erkalteten Ehe: Erregung empfinden beide lediglich in der wechselseitigen Schilderung ihrer Seitensprünge. Während einer nächtlichen Autofahrt stößt James frontal mit einem anderen Wagen zusammen. James überlebt die Kollision schwer verletzt, so wie auch die Führerin des anderen Fahrzeugs, Dr. Helen Remington. Im Krankenhaus begegnen sich die beiden wieder und beginnen eine Affäre, befeuert durch die geteilte Erfahrung des Unfalls. Dies bringt sie in Verbindung mit Dr. Robert Vaughan, der eine Obsession für fatale Autounglücke pflegt und diese mit anderen Fetischist:innen in potenziell lebensgefährlichen Ritualen auslebt. — Ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury in Cannes, polarisiert die Adaption von Graham Ballards Roman bis heute, wenn der Film in ebenso betörenden wie verstörenden Bildern die Abgründe einer pathologischen Auto-Erotik durchmisst.

LA DÉESSE DES MOUCHES À FEU

Kanada 2020 | 105 Minuten | OmU | Regie: Anaϊs Barbeau-Lavalette | FSK n.V.

Für die 16-jährige Cat ist die Welt entschieden zu klein: Daheim ist sie nur ein Kollateralschaden im brutalen Scheidungskrieg ihrer Eltern, und auch sonst präsentiert sich der Alltag im ländlichen Quebec der frühen 1990er Jahre eher reizlos. Cat findet Freunde, die ihre Frustration teilen und ebenfalls die Enge und Gewöhnlichkeit hinter sich lassen wollen. Grunge-Rock, Rollenbilder aus Pulp Fiction und Meskalin befeuern jugendliche Befreiungsversuche, die Cat und ihre Clique zwischen Rausch und Rebellion taumeln lassen. — Smells like teen spirit all over again: Beim Prix Iris, dem wichtigsten Wettbewerb für das Cinéma Québecois, erhielt diese furiose Verfilmung von Geneviève Pettersens Coming-of-Age-Roman insgesamt sieben Auszeichnungen, darunter für den Besten Film und die Beste Regie.

GUEST OF HONOUR

Kanada 2019 | 105 Minuten | OmU | Regie: Atom Egoyan | FSK n.V.

Die Lehrerin Veronica wird eines sexuellen Übergriffs beschuldigt und verurteilt. Doch obwohl die Beschuldigungen falsch waren, beharrt Veronica darauf, bestraft zu werden — für unausgesprochene Vergehen, die lange zurückliegen. Die Unnachgiebigkeit der inhaftierten Veronica verstört ihren Vater Jim, der als Lebensmittelinspektor arbeitet und vor allem familiengeführte Restaurants kontrolliert. Frustriert und wütend missbraucht Jim zunehmend seine Macht, die er in dieser Funktion innehat. — Verborgene Traumata, ineinander verwobene Geheimnisse und die unabsehbaren Konsequenzen, die daraus resultieren, stehen im Zentrum des wendungsreichen psychologischen Dramas Guest of Honour, mit dem sich Regisseur und Autor Atom Egoyan einmal mehr als ebenso präziser wie empathischer Erforscher der fragilen Conditio humana beweist.

KUESSIPAN

Kanada 2019 | 117 Minuten | OmU | Regie: Myriam Verreault | FSK n.V.

Mikuan und Shaniss sind in einer kleinen Innu-Gemeinde in Quebec aufgewachsen, wenngleich mit unterschiedlichen Voraussetzungen: Während Mikuan immer eine liebevolle Familie um sich wusste, war Shaniss’ Kindheit von emotionalen Verletzungen und Entbehrungen geprägt. Dennoch oder gerade deswegen sind die beiden seit jeher unzertrennliche Freundinnen. Aber nunmehr, mit fast 17 Jahren an der Schwelle des Erwachsenwerdens angekommen, will Mikuan ihre Kreativität jenseits der kleinen Reservation ausleben und träumt von einem Studium in der Großstadt. Als sie sich obendrein in einen weißen Jungen verliebt, steuert ihre innige Beziehung mit Shaniss auf einen dramatischen Konflikt zu. — Mit ihrer Adaption des Romans von Naomi Fontaine gelang Regisseurin Myriam Verreault ein mitreißendes Spielfilmdebüt über Freundschaft und persönliche wie kulturelle Identität, das beim Quebec City Film Festival den Hauptpreis gewann.

MON CIRQUE À MOI

2020 | 105 Minuten | OmU | Regie: Miryam Bouchard | FSK n.V.

Viele Kinder träumen davon, von zu Hause auszureißen und sich einem Zirkus anzuschließen. Die 12-jährige Laura gehört allerdings nicht dazu, denn sie wurde in eine Akrobatenfamilie hineingeboren. Mit ihrem alleinerziehenden Vater Bill, einem Clown und überzeugten Bohemien, und dessen Bühnenassistenten Mandeep tingelt der Teenager in einem kleinen Wanderzirkus durch das ländliche Quebec. Als eine neue Lehrerin ihre akademische Begabung bemerkt und fördert, reift in Laura der Wunsch, eine renommierte Privatschule zu besuchen. Doch das erfordert neben Geld auch die Bereitschaft zu mehr Sesshaftigkeit, eben jene zwei Dinge, die dem Nonkonformisten Bill chronisch fehlen. — Der frankokanadische Leinwandstar Patrick Huard glänzt als störrischer Clown in Myriam Bouchards farbenfroher Komödie über gegensätzliche Lebensentwürfe und generationsübergreifende Herzensbildung.

MONKEY BEACH

2020 | 105 Minuten | OmU | Regie: Loretta Sarah Todd | FSK n.V.

Als Lisa verkatert in ihrem Apartment in East Vancouver erwacht, erwartet sie der Geist ihrer Cousine mit einer eindringlichen wie kryptischen Botschaft: »Deine Familie braucht Dich.« Lisa folgt dem Ruf nach Kitimaat Village, Heimat des Volks der Haisla an der Nordküste von British Columbia. Zurück im Kreis ihrer Verwandtschaft, deutet sie die alarmierende Nachricht als Aufforderung, ihren Bruder vor jenem tragischen Schicksal zu bewahren, welches sie schon als Kind vorhergesehen hatte. Doch dafür muss sie sich den mystischen Kreaturen stellen, die in den benachbarten Wäldern lauern. — Loretta Sarah Todds überaus stilsichere Adaption des gefeierten Romans von Eden Robinson fasziniert gleichermaßen als Allegorie über Geister, die uns wahlweise verfolgen oder erleuchten können, und als modernes indigenes Heldinnen-Epos.

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